𝗔𝗡 𝗠𝗘𝗜𝗡𝗘𝗡 𝗦𝗢𝗛𝗡 𝗗𝗔𝗡𝗜𝗘𝗟

in #deutsch • 3 days ago

𝗙Ü𝗥 𝗗𝗘𝗡 𝗧𝗔𝗚, 𝗔𝗡 𝗗𝗘𝗠 𝗜𝗖𝗛 𝗡𝗜𝗖𝗛𝗧 𝗠𝗘𝗛𝗥 𝗗𝗔 𝗕𝗜𝗡

Angeregt durch ein Lied, das ich zufällig im Internet gefunden habe, gingen mir ein paar Gedanken durch den Kopf. Gedanken, über die man als Vater eigentlich nicht besonders gern nachdenkt. Aber vielleicht gerade deshalb sollte man sie irgendwann einmal aufschreiben.

Daniel, es gibt eine Wahrheit, die du heute kennst, über die wir aber wahrscheinlich beide nicht besonders gern nachdenken. Irgendwann könnte es sein, dass du meinen Namen auf einer Sterbeurkkunde unterschreibst. So wie ich vor vielen Jahren deinen Namen auf deiner Geburtsurkunde unterschrieben habe.

Damals begann dein Leben.

Irgendwann endet meines.

Allein dieser Gedanke ist schon merkwürdig genug.

Ich erinnere mich noch daran, wie klein du einmal warst. Wie selbstverständlich es für dich war, dass ich da bin. Es gab eine Zeit, da musste ich deine Hand halten, damit du einschlafen konntest. Damals hätte ich mir nicht vorstellen können, dass aus diesem kleinen Jungen irgendwann ein erwachsener Mann wird.

Und heute schaue ich dich an und frage mich manchmal:

Wann ist das eigentlich passiert?

Wann war das letzte Mal, dass du meine Hand brauchtest, um einzuschlafen?

Wann war das letzte Mal, dass ich dich hochgehoben habe?

Wann war das letzte Mal, dass du mich gefragt hast, ob ich mitkomme?

Das Verrückte ist: Bei all diesen letzten Malen wusste ich nicht, dass es das letzte Mal war.

Das Leben sagt einem das nicht.

Es hängt kein Schild an einen Augenblick und schreibt darauf:

𝗠𝗘𝗥𝗞 𝗗𝗜𝗥 𝗗𝗔𝗦. 𝗗𝗔𝗦 𝗞𝗢𝗠𝗠𝗧 𝗡𝗜𝗘 𝗪𝗜𝗘𝗗𝗘𝗥.

Es passiert einfach.

Und irgendwann ist aus dem kleinen Jungen ein Mann geworden.

Vielleicht gehört genau das zu den seltsamsten Dingen des Vaterseins. Man verbringt Jahre damit, seinem Kind beizubringen, selbstständig zu werden. Man möchte, dass es seinen eigenen Kopf benutzt, seinen eigenen Weg geht und irgendwann nicht mehr auf einen angewiesen ist.

Und wenn genau das gelingt, muss man selbst erst lernen, damit zurechtzukommen.

Ich hatte allerdings ein großes Glück.

Als du noch klein warst, habe ich irgendwann beschlossen, dass mir Zeit wichtiger ist als noch mehr Arbeit, noch mehr Geld oder das nächste Unternehmen. Ich war vierzig, du gerade einmal fünf. Danach waren wir viele Jahre gemeinsam unterwegs.

Sechs Jahre mit dem Wohnmobil durch die Weltgeschichte.

Später Griechenland.

Viele Jahre Griechenland.

Und weil du nicht jeden Morgen in irgendeinem Schulgebäude verschwinden musstest, sondern frei lernen konntest, hatten wir etwas, das man gar nicht hoch genug einschätzen kann:

Zeit.

Zeit füreinander.

Wir konnten gemeinsam fotografieren, programmieren, über Computer reden, Dinge ausprobieren und stundenlang über Gott und die Welt philosophieren. Wir konnten miteinander unterwegs sein, ohne dass irgendein Stundenplan vorgab, wann unser gemeinsamer Tag zu Ende sein musste.

Natürlich war nicht jeder Tag großartig.

Wir haben uns sicherlich auch gegenseitig genervt. Alles andere wäre bei so viel gemeinsamer Zeit auch verdächtig gewesen. 😄

Aber heute weiß ich, was für ein Geschenk diese Jahre waren.

Vielleicht sogar eines der größten Geschenke meines Lebens.

Denn Geld kann man wieder verdienen.

Zeit nicht.

Und vielleicht ist genau deshalb der Gedanke an irgendwann so schwer.

Ich war bei deinem Anfang dabei.

Vielleicht bist du irgendwann bei meinem Ende dabei.

Ich habe dich als kleinen Jungen schlafen sehen und kontrolliert, ob du ruhig atmest.

Vielleicht sitzt du eines Tages an meinem Bett und hörst auf meinen Atem.

Damals habe ich darauf gewartet, dass dein Leben beginnt.

Du wirst vielleicht irgendwann erleben, wie meines endet.

Ein Kreis, den wahrscheinlich jedes Elternteil kennt und trotzdem niemand wirklich wahrhaben möchte.

Wenn dieser Tag irgendwann kommt, möchte ich aber nicht, dass du zurückblickst und dich mit Fragen quälst.

War ich oft genug da?

Hätte ich häufiger anrufen sollen?

Hätte ich noch irgendetwas sagen müssen?

Hätte ich dies oder jenes anders machen können?

Nein.

𝗗𝗨 𝗠𝗨𝗦𝗦𝗧 𝗗𝗜𝗥 𝗞𝗘𝗜𝗡𝗘 𝗩𝗢𝗥𝗪Ü𝗥𝗙𝗘 𝗠𝗔𝗖𝗛𝗘𝗡.

Denn eines sollte für dich niemals eine Frage sein:

Du warst geliebt.

Nicht erst, als du sprechen konntest.

Nicht erst, als du verstanden hast, wer dein Vater ist.

Nicht erst, als wir gemeinsame Interessen entwickelt haben.

Du warst geliebt, bevor du überhaupt wusstest, was Liebe bedeutet.

Natürlich war ich kein perfekter Vater.

Den gibt es vermutlich ohnehin nur in irgendwelchen Ratgebern, die von Menschen geschrieben werden, deren Kinder gerade zufällig schlafen.

Ich habe Fehler gemacht. Ich war sicherlich manchmal ungerecht. Vielleicht zu streng, vielleicht zu nachsichtig, vielleicht habe ich Dinge gesagt, die ich besser nicht gesagt hätte. Vielleicht habe ich manchmal geglaubt, ich wüsste besser, was für dich richtig ist.

Aber hinter all diesen Fehlern gab es etwas, woran sich nie etwas geändert hat.

Du warst mein Sohn.

Und damit ein Teil meines Lebens, den nichts ersetzen kann.

Vielleicht wirst du irgendwann alte Fotos ansehen. Bilder von unseren Reisen. Von Griechenland. Vom Wohnmobil. Vielleicht findest du irgendein Foto, auf dem wir beide sitzen und überhaupt nicht wissen, wie kostbar dieser ganz normale Tag Jahrzehnte später einmal sein wird.

Vielleicht erinnerst du dich an Gespräche, an irgendeinen Blödsinn, den wir gemacht haben, oder an Dinge, die für andere vollkommen bedeutungslos wären.

Für mich sind genau solche Dinge das Leben.

Nicht die großen Geschäftserfolge.

Nicht irgendein Kontostand.

Nicht das, was man sich irgendwann kaufen konnte.

Sondern die Zeit mit Menschen, die man liebt.

Und deshalb hoffe ich, dass du auch nach meinem Tod nicht nur an mein Ende denkst.

Denk an das Davor.

An unsere Reisen.

An Griechenland.

An die Fototouren.

An unsere Gespräche.

An all die vollkommen gewöhnlichen Tage, an denen keiner von uns wusste, dass genau daraus später Erinnerungen werden.

Vielleicht wirst du irgendwann sogar über irgendeinen meiner alten Sprüche lachen und denken:

Typisch mein Vater.

Damit könnte ich ziemlich gut leben.

Und vielleicht ist das ohnehin alles, was ein Mensch am Ende wirklich hinterlassen kann.

Keine Dinge.

Keine Häuser.

Keine Konten.

Sondern Erinnerungen in anderen Menschen.

Wenn ich irgendwann nicht mehr da bin, möchte ich deshalb nur eines:

Dass du niemals daran zweifelst, wie wichtig du für mich warst.

Vom Anfang bis zum Ende.

Vom ersten Atemzug, den ich von dir erlebt habe, bis zu meinem letzten.

Und vielleicht noch darüber hinaus.

Denn irgendwann wird mein Name nur noch auf alten Dokumenten, auf Fotos, vielleicht auf meinen Büchern und in deinen Erinnerungen stehen.

Aber wenn du dann irgendwann an mich denkst, hoffe ich, dass nicht zuerst Traurigkeit kommt.

Vielleicht einfach ein kleines Lächeln.

Und der Gedanke:

𝗪𝗜𝗥 𝗛𝗔𝗧𝗧𝗘𝗡 𝗩𝗘𝗥𝗗𝗔𝗠𝗠𝗧 𝗩𝗜𝗘𝗟 𝗭𝗘𝗜𝗧 𝗠𝗜𝗧𝗘𝗜𝗡𝗔𝗡𝗗𝗘𝗥.

Denn genau dafür bin ich heute dankbar.

Und vielleicht ist das die schönste Antwort auf die Frage, ob man sein Leben richtig gelebt hat.


Veröffentlicht mit Welako

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Im Englischen gibt es dafür, was ihr gemeinsam erleben durftet und Du praktiziert hast ein schönen Begriff:

Memory Takes!