𝗜𝗖𝗛 𝗠𝗨𝗦𝗦 𝗠𝗘𝗜𝗡𝗘 𝗩𝗘𝗥𝗚𝗔𝗡𝗚𝗘𝗡𝗛𝗘𝗜𝗧 𝗡𝗜𝗖𝗛𝗧 𝗛𝗔𝗦𝗦𝗘𝗡
Zum Tag der Deutschen Einheit ein paar sehr persönliche Gedanken. Gedanken, bei denen ich immer wieder merke, wie schwer es manchen Menschen fällt zu akzeptieren, dass man gern in der DDR gelebt haben konnte, ohne deshalb alles gutzuheißen, was dort geschehen ist.

Ich habe gern in der DDR gelebt.
So einfach ist dieser Satz. Und trotzdem scheint er für manche Menschen beinahe eine Provokation zu sein.
Ich hatte eine schöne Kindheit. Ich hatte eine tolle Jugend. Ich hatte Freunde, eine Clique, Musik, erste Liebe, Abenteuer und all diese vollkommen gewöhnlichen Dinge, aus denen später die Erinnerungen werden, die einem niemand mehr nehmen kann.
Nein, mein Leben bestand nicht jeden Morgen daraus, aufzuwachen und darüber nachzudenken, in welchem politischen System ich lebte. Als Kind schon gar nicht. Da war die Welt zunächst einmal das Zuhause, die Familie, die Straße vor der Tür und später die Freunde, mit denen man unterwegs war.
Und trotzdem war natürlich nicht alles schön.
Ich hatte Probleme mit Behörden. Ich bekam die Grenzen dieses Staates durchaus zu spüren. Auch die Staatssicherheit gehörte zu meiner eigenen Geschichte. Ich habe meine Meinung gesagt, auch öffentlich, und ich war in der Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ aktiv.
Ich wusste also durchaus, dass die DDR kein romantisches Ferienlager mit Fahnenappell war.
Aber ich wurde nicht eingesperrt. Ich wurde nicht gefoltert. Ich saß nicht jeden Abend verängstigt hinter zugezogenen Gardinen und wartete darauf, dass jemand meine Tür eintritt.
Das war mein Leben.
Und vielleicht ist genau das etwas, was wir beim Blick zurück viel zu oft vergessen: Geschichte besteht nicht nur aus politischen Systemen, Parteitagen, Geheimdiensten und Akten.
Geschichte besteht auch aus Menschen.
Aus Kindheiten.
Aus Jugendlieben.
Aus Familien.
Aus Nachmittagen mit Freunden.
Aus Musik.
Aus vollkommen gewöhnlichen Dienstagen, an denen niemand daran dachte, dass dieses Land eines Tages nicht mehr existieren würde.
Mehr als drei Jahrzehnte sind seit dem Ende der DDR vergangen. Und natürlich hat sich mein Blick verändert. Man weiß heute manches, was man damals nicht wusste. Man bewertet Dinge anders. Man sieht Fehler klarer.
Aber warum sollte dadurch meine eigene Kindheit plötzlich schlecht gewesen sein?
Warum müsste ich meine Jugend im Nachhinein umschreiben, nur damit sie in ein bestimmtes Bild passt?
Ich kann sagen:
Ja, die DDR hatte schwere Fehler.
Und gleichzeitig:
Ja, ich habe dort gern gelebt.
Beides passt in einen einzigen Kopf.
Eigentlich ist das gar nicht so kompliziert.
In welchem Land ist denn alles gut?
Welches politische System besteht ausschließlich aus glücklichen Menschen und richtigen Entscheidungen?
Menschen erinnern sich ohnehin selten zuerst an Systeme.
Sie erinnern sich an Menschen.
Wenn ich an meine Jugend denke, sehe ich keine Politbürositzung.
Ich sehe Gesichter.
Ich höre Musik.
Ich sehe meine Freunde.
Ich sehe Orte, die es vielleicht längst nicht mehr gibt.
Ich erinnere mich an das Gefühl, jung zu sein und zu glauben, dass das Leben noch unendlich lang vor einem liegt.
Vielleicht ist Nostalgie manchmal gar keine Sehnsucht nach einem Staat.
Vielleicht ist es Sehnsucht nach der eigenen Vergangenheit.
Nach Menschen, die nicht mehr da sind.
Nach einer Zeit, in der meine Mutti, mein Bruder Andreas und meine Schwester Silke noch lebten.
Nach Freunden, die man aus den Augen verloren hat.
Nach dem eigenen jungen Gesicht, das einen auf alten Fotos anschaut und noch keine Ahnung davon hat, was alles kommen wird.
Heute ist Tag der Deutschen Einheit.
Für viele ein Feiertag.
Für andere ein Tag mit gemischten Gefühlen.
Und vielleicht dürfen wir nach all den Jahren endlich akzeptieren, dass Erinnerungen nicht schwarz oder weiß sein müssen.
Ich muss die DDR nicht verklären.
Aber ich muss sie auch nicht hassen.
Ich muss meine eigene Vergangenheit nicht verleugnen, um zu beweisen, dass ich ihre Fehler kenne.
Ich darf zurückschauen und sagen:
Das war meine Kindheit.
Das war meine Jugend.
Das war ein Teil meines Lebens.
Nicht alles war gut.
Manches war falsch.
Manches hat wehgetan.
Aber vieles war schön.
Und vielleicht ist genau das eine der ehrlichsten Formen von Erinnerung:
Nicht aus der Vergangenheit ein Paradies zu machen.
Aber sie sich auch von niemandem schlechtreden zu lassen.
Veröffentlicht mit Welako