𝗗𝗗𝗥 𝟮.𝟬 – 𝗗𝗲𝗿 𝟯. 𝗢𝗸𝘁𝗼𝗯𝗲𝗿:
𝗛𝗲𝗿𝘇𝗹𝗶𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗚𝗹𝘂̈𝗰𝗸𝘄𝘂𝗻𝘀𝗰𝗵 𝘇𝘂𝗺 𝗕𝗲𝗶𝘁𝗿𝗶𝘁𝘁. 𝗪𝗼𝘇𝘂 𝗲𝗶𝗴𝗲𝗻𝘁𝗹𝗶𝗰𝗵?
Heute ist es wieder so weit. Fahnen raus, Festreden an, Sekt kalt stellen. Tag der Deutschen Einheit. Der Tag, an dem man uns jedes Jahr erklärt, wie glücklich wir zu sein haben. Und ich frage mich jedes Jahr aufs Neue: Wer feiert hier eigentlich was? Und warum soll ausgerechnet ich dabei klatschen?
Fangen wir mit dem Wort an, das bei keiner Festrede vorkommt: Beitritt. Nicht Vereinigung. Nicht Neuanfang. Beitritt. Wie bei einem Sportverein, nur ohne Mitspracherecht bei der Vereinssatzung. Das Grundgesetz hatte extra einen Artikel 146 für den Fall, dass sich beide Teile eine gemeinsame neue Verfassung geben. Der Runde Tisch hatte sogar einen Entwurf geschrieben. Hat den jemand gelesen? Natürlich nicht, wozu auch. Stattdessen Artikel 23: Bitte hinten anstellen, Formular ausfüllen, Hausordnung gilt ab sofort, Schuhe aus. Wir durften mitmachen. Mitreden stand nicht im Angebot.
Dann kam die Treuhand, die wohl erfolgreichste Entrümpelungsfirma der deutschen Geschichte. Rund vier Millionen Menschen arbeiteten in den Betrieben, die sie übernahm. Ein paar Jahre später waren zweieinhalb Millionen dieser Arbeitsplätze weg. Aber hey, Arbeitslosigkeit kannten wir ja noch nicht, man wollte uns schließlich nichts vorenthalten. Volkseigentum, angeblich das Vermögen von uns allen, wurde für eine symbolische Mark verscherbelt, gern an Leute, die vor allem eines wollten: die lästige Konkurrenz aus dem Osten vom Markt nehmen. Am Ende stand die Treuhand mit einem Minus von gut 250 Milliarden D-Mark da. Ein ganzes Land verkaufen und dabei noch Schulden machen, das muss man erst mal hinkriegen. Dafür gibt es in jedem anderen Unternehmen eine fristlose Kündigung. Hier gab es Bundesverdienstkreuze.
Und wem gehört der Osten heute? Rund 80 Prozent des Betriebsvermögens gingen an Westdeutsche, etwa 15 Prozent ins Ausland. Für die Ossis blieben ungefähr fünf Prozent. Fünf. Wir haben die Fabriken gebaut, wir haben darin gearbeitet, und dann durften wir freundlich winken, während andere die Schlüssel bekamen. Wenigstens durften wir beim Ausräumen helfen.

Die Löhne? Über dreißig Jahre nach der Einheit verdient man im Osten immer noch rund ein Fünftel weniger als im Westen. Für dieselbe Arbeit. Bei denselben Preisen im Supermarkt. Das Brötchen weiß offenbar nichts von der Lohnlücke. Billiglohnland mit Bundesadler, damit es offiziell aussieht. Und die Rente? Hat man nach über dreißig Jahren auch endlich angeglichen. Wirklich großzügig. Ein paar von uns haben das sogar noch erlebt. Glückwunsch an die Überlebenden.
Unsere Abschlüsse waren über Nacht nichts mehr wert. Ingenieure wurden umgeschult, Lehrer überprüft, Wissenschaftler "abgewickelt". Was für ein liebevolles Wort. Klingt nach Wolle, war aber Existenz. Gleichzeitig kamen aus dem Westen die selbstlosen Aufbauhelfer: Beamte, Richter, Professoren, Chefs, teils mit der sogenannten Buschzulage. Busch. Da weiß man doch gleich, wie herzlich man empfangen wurde. Bis heute sind Ostdeutsche in den Führungsetagen dieses Landes nur ein Bruchteil dessen, was ihrem Bevölkerungsanteil entspräche. In Unis, Gerichten und Konzernzentralen hier bei uns sitzen oft dieselben Seilschaften wie damals, nur die Generation hat gewechselt. Erbhöfe heißen jetzt eben Netzwerke.
Und dann das Schönste: Was hat der Westen eigentlich vom Osten übernommen? Den grünen Pfeil. Das Sandmännchen. Und, oh Wunder, Jahrzehnte später die Polikliniken. Die heißen jetzt Medizinisches Versorgungszentrum, damit keiner merkt, wo die Idee herkommt. Ganztagsbetreuung für Kinder? War bei uns selbstverständlich, im Westen hieß das lange Rabenmutter-Modell. Heute ist es ein mutiges Zukunftsprojekt mit Förderprogramm und Pressekonferenz. Herzlichen Glückwunsch zur Erfindung des Rads.
Ganze Regionen haben sich geleert. Millionen, vor allem die Jungen und die Frauen, sind in den Westen gegangen, weil hier nichts mehr war. Zurück blieben Bahnhöfe ohne Züge, Dörfer ohne Laden, Schulen ohne Kinder. Blühende Landschaften wurden tatsächlich versprochen, und siehe da: Auf vielen Industriebrachen blüht heute wirklich was. Löwenzahn. Und wenn wir heute anders wählen, anders denken oder einfach mal sagen, dass uns das nicht gefällt, dann sind wir die Undankbaren. Die Jammer-Ossis. Die, denen man die Demokratie noch mal ganz langsam zum Mitschreiben erklären muss.
Unsere Geschichte wurde gleich mit abgewickelt, praktischerweise im selben Arbeitsgang. Vierzig Jahre Leben passen offenbar auf drei Wörter: Stasi, Mauer, Trabi. Dass wir gearbeitet, geliebt, gebaut, gelacht und Kinder großgezogen haben, dass nicht alles schlecht war und auch nicht alles gut, das passt leider nicht ins Festprogramm. Unsere Biografien wurden umgeschrieben von Leuten, die nie hier gelebt haben, aber genau wissen, wie es war.
Also nein, ich feiere heute nicht. Und ich weiß, dass ich damit nicht allein bin. Ganz viele von euch, die wie ich in der DDR groß geworden sind, sehen das genauso, sagen es aber nicht laut, weil man sonst sofort in eine Ecke gestellt wird. Die Ecken sind hier übrigens reichlich vorhanden, man hat ja genug Platz geschaffen.
Ich sage es trotzdem: Wir wurden nicht vereinigt. Wir wurden übernommen. Und eine Übernahme feiert man nicht. Man überlebt sie.
Veröffentlicht mit Welako
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