𝗛𝗔𝗣𝗘 𝗞𝗘𝗥𝗞𝗘𝗟𝗜𝗡𝗚 – 𝗪𝗔𝗛𝗟𝗞𝗔𝗠𝗣𝗙𝗛𝗘𝗟𝗙𝗘𝗥 𝗗𝗘𝗥 𝗔𝗳𝗗! 😂
Ich musste tatsächlich zweimal hinschauen: Hape Kerkeling im Thüringer Landtag, bei einer Anhörung zu einem möglichen AfD-Verbotsverfahren. Ich dachte erst, Horst Schlämmer hätte eine neue Nummer vorbereitet. Aber nein, diesmal war das ernst gemeint. Früher wollte er nur den Präsidenten sprechen, heute soll es offenbar gleich an eine ganze Partei gehen.
Was genau befähigt eigentlich einen Entertainer dazu, bei einer solchen Anhörung aufzutreten? Hat „Hurz!“ inzwischen die juristische Staatsprüfung ersetzt? Bekommt man mit dem Bambi automatisch einen Lehrstuhl für Verfassungsrecht? Zur Erklärung: Eingeladen hatte ihn die Linksfraktion. Kerkeling erklärte selbst, als Nachfahre eines NS-Opfers zu sprechen, nicht als Verfassungsrechtler. Sein Großvater war im KZ Buchenwald inhaftiert. Daraus ergibt sich allerdings noch keine fachliche Qualifikation zur Beurteilung eines Parteiverbots. Ein prominenter Name ist schließlich kein juristisches Gutachten, auch wenn man ihn schön groß auf die Einladung drucken kann.
In meiner Wahrnehmung war es um ihn zuletzt ziemlich ruhig geworden. Jetzt steht er jedenfalls wieder mitten in den Schlagzeilen. Ob das beabsichtigt war, weiß ich nicht. Aber der Werbeeffekt funktioniert prächtig: Eine einzige Aussage, die möglichst vielen Leuten möglichst beschissen aufstößt, und schon spricht wieder das halbe Land über einen. Andere müssen für so viel Aufmerksamkeit eine ganze Tournee organisieren. Hier reicht ein Ausflug nach Erfurt.
Und dann kam seine Aussage zum AfD-Wahlkampfslogan „Alles ist möglich“. Kerkeling erklärte sinngemäß, bei einer politischen Partei, die alles für möglich erkläre, sei „unter Umständen auch Buchenwald möglich“. Genau darauf bezieht sich die Strafanzeige, die der Berliner AfD-Politiker Julian Adrat nach eigenen Angaben bei der Staatsanwaltschaft Erfurt erstattet hat. Er wirft Kerkeling Volksverhetzung vor, insbesondere eine Verharmlosung der NS-Verbrechen nach § 130 Absatz 3 StGB. Seine Begründung: Kerkeling stelle eine Verbindung zwischen der heutigen AfD und den Verbrechen der NS-Diktatur her.
Ob ihr diese Anzeige angemessen, überzogen oder genauso politisch motiviert findet wie den Auftritt selbst, entscheidet jeder für sich. Eine Anzeige ist jedenfalls noch kein Urteil. Ob hier tatsächlich die gesetzlichen Voraussetzungen einer strafbaren Verharmlosung erfüllt sind, müssen die zuständigen Stellen prüfen. Der Facebook-Gerichtshof darf solange gern weiter seine Urteile zwischen Frühstück und Toilettengang verkünden.

Was ich politisch daran besonders lustig finde: Im jüngsten bundesweiten DeutschlandTrend liegt die AfD bei 27 Prozent, die Union bei 20 Prozent. Sieben Punkte Vorsprung. In der zuletzt veröffentlichten Thüringer Umfrage steht die AfD bei 40 Prozent. Die Botschaft ist deutlich genug: Da ist ein erheblicher Teil der Wähler offensichtlich mit etwas unzufrieden. Vielleicht könnte man gelegentlich herausfinden, womit. Nur so eine völlig verrückte Idee.
Bei Kerkelings Buchenwald-Vergleich kommt es mir fast so vor, als wolle er die rund 40 Prozent, die in Thüringen laut Umfrage die AfD wählen würden, gleich mit in die Nazi-Ecke stellen. Politische Unzufriedenheit? Schlechte Erfahrungen mit den bisherigen Parteien? Enttäuschung über gebrochene Versprechen? Ach, warum sich mit solchen Kleinigkeiten beschäftigen, wenn man auch gleich die ganz große historische Keule auspacken kann! Wer eine Partei mit einem möglichen neuen Buchenwald verbindet, sollte sich jedenfalls nicht wundern, wenn sich auch deren Wähler angegriffen fühlen. Die hören dann möglicherweise: „Ihr wählt falsch, und wir überlegen jetzt, wie wir eure Partei vom Wahlzettel bekommen.“
Und genau da könnte bei manchem, der vorher mit der AfD überhaupt nichts anfangen konnte, dieser wunderbare menschliche Reflex einsetzen: „Sag mal, geht’s noch? Jetzt erst recht!“ Ob man diesen Trotz vernünftig findet, ist eine andere Frage. Aber wer Menschen überzeugen möchte, sollte wenigstens damit rechnen, dass eine moralische Kopfnuss nicht automatisch Begeisterung auslöst.
Hohe Umfragewerte machen eine Partei selbstverständlich nicht rechtlich unantastbar. Nur ersetzt die Beliebtheit eines Prominenten eben auch keinen belastbaren Verbotsgrund. Und mein Eindruck ist: Solche Auftritte können der AfD politisch mehr nutzen als schaden. Da könnte sie sich ihre Wahlkampfhelfer demnächst direkt bei den eigenen Gegnern bestellen. Kostenlos, hoch motiviert und offenbar ohne jede Erfolgskontrolle. 😂
Kerkeling, Lindenberg, Grönemeyer und die anderen prominenten Weltverbesserer dürfen selbstverständlich ihre Meinung sagen. Aber sie könnten gelegentlich überlegen, wie ihre Botschaften bei denen ankommen, die sie angeblich erreichen wollen. Wer ohnehin zustimmt, klatscht. Wer sich bevormundet fühlt, macht womöglich sein Kreuz ausgerechnet dort, wo es der Künstler unbedingt verhindern wollte. Mission erfüllt – leider beim falschen Auftraggeber.
Lieber Hape, vielleicht sagt sich nach diesem Auftritt tatsächlich mancher Thüringer: „Mit der AfD hatte ich bisher nichts am Hut. Aber wenn Typen wie du so mit uns reden, schaue ich mir die jetzt erst recht an.“ Dann wäre aus dem engagierten Verbotsbefürworter unfreiwillig ein Wahlkampfhelfer geworden. Man will die Partei kleinmachen und liefert ihr womöglich die nächste Werbekampagne frei Haus. Das muss man als Komiker auch erst einmal hinbekommen.
𝗛𝘂𝗿𝘇! 𝗗𝗶𝗲 𝗣𝗼𝗶𝗻𝘁𝗲 𝘀𝗰𝗵𝗿𝗲𝗶𝗯𝘁 𝗱𝗶𝗲𝘀𝗺𝗮𝗹 𝘃𝗶𝗲𝗹𝗹𝗲𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗱𝗲𝗿 𝗪ä𝗵𝗹𝗲𝗿. 🤷♂️😂
Veröffentlicht mit Welako