𝗪𝗘𝗡𝗡 𝗗𝗘𝗜𝗡 𝗙𝗘𝗛𝗟𝗘𝗡 𝗡𝗜𝗘𝗠𝗔𝗡𝗗𝗘𝗡 𝗜𝗡𝗧𝗘𝗥𝗘𝗦𝗦𝗜𝗘𝗥𝗧
Es gibt einen Gedanken, der umso schwerer wird, je älter man wird:
Wenn dein Fehlen niemandem auffällt, wie wichtig war dann eigentlich deine Anwesenheit?
Natürlich ist das hart formuliert. Vielleicht sogar ungerecht. Menschen haben ihr eigenes Leben, ihre Sorgen, ihre Termine, ihre Familien. Nicht jeder, der sich nicht meldet, hat einen vergessen.
Und trotzdem kennt wahrscheinlich fast jeder dieses Gefühl.
Man zieht sich einmal zurück. Nicht aus Trotz. Nicht als Test. Man schreibt einfach nicht zuerst. Ruft nicht an. Fragt nicht nach einem Treffen. Man wartet.
Und dann passiert erstaunlich wenig.
Ein Tag.
Eine Woche.
Ein Monat.
Manchmal noch länger.
Das Telefon funktioniert. Die Nummer ist dieselbe. Man ist nicht verschwunden.
Nur scheint niemand zu bemerken, dass man still geworden ist.
Gerade wenn man älter wird, tut das auf eine besondere Art weh. Vielleicht weil der Kreis der Menschen ohnehin kleiner wird. Manche sind weggezogen. Manche haben sich verändert. Manche sind gestorben. Andere waren einmal gute Freunde und sind heute kaum mehr als Namen in einer Kontaktliste.
Und manchmal geschieht genau das sogar innerhalb der eigenen Familie.
Früher war man selbstverständlich dabei. Man wurde angerufen, besucht, gefragt. Vielleicht war man derjenige, bei dem alle am Tisch saßen. Derjenige, der half, organisierte, zuhörte und irgendwie immer verfügbar war.
Irgendwann verändert sich etwas.
Nicht mit einem großen Streit.
Nicht mit einem Abschied.
Es wird einfach weniger.
Weniger Anrufe.
Weniger Besuche.
Weniger Fragen danach, wie es einem eigentlich geht.
Und irgendwann merkt man, dass Nähe offenbar auch verschwinden kann, ohne dass jemand eine Tür zuschlägt.
Das ist vielleicht das Traurigste daran.
Bei einem Streit weiß man wenigstens, warum jemand nicht mehr kommt.
Aber was macht man mit Menschen, die einfach langsam aufhören, einen in ihrem Leben mitzudenken?
Besonders merkwürdig wird es bei denen, die früher so getan haben, als könne nichts diese Freundschaft erschüttern.
„Du kannst dich immer auf mich verlassen.“
„Wir verlieren uns niemals aus den Augen.“
„Wenn irgendetwas ist, ruf an.“
Große Sätze.
Manchmal mit erstaunlich kurzer Haltbarkeit.
Das Leben hat ohnehin eine interessante Art zu zeigen, welche Menschen wirklich bleiben. Nicht wenn alles gut läuft. Nicht beim gemeinsamen Essen, beim Feiern oder solange man selbst etwas beitragen kann.
Sondern dann, wenn man einmal nichts anzubieten hat.
Keine Hilfe.
Keine Unterhaltung.
Keinen Nutzen.
Vielleicht nicht einmal gute Laune.
Dann wird es manchmal erstaunlich still.
Und je älter man wird, desto weniger Lust hat man darauf, Menschen hinterherzulaufen.
Nicht aus Stolz.
Vielleicht einfach aus Müdigkeit.
Irgendwann möchte man nicht mehr ständig derjenige sein, der fragt:
„Wie geht es dir?“
wenn von der anderen Seite nie dieselbe Frage kommt.
Man möchte nicht immer derjenige sein, der an Geburtstage denkt, Treffen organisiert oder nach Monaten wieder Kontakt aufnimmt.
Denn Nähe sollte keine Einbahnstraße sein.
Vielleicht beginnt man deshalb irgendwann, Menschen gehen zu lassen.
Still.
Ohne Vorwürfe.
Ohne dramatischen Abschiedsbrief.
Man hört einfach auf, ständig eine Verbindung festzuhalten, die nur noch deshalb existiert, weil einer von beiden daran zieht.
Und manchmal erschrickt man darüber, wie schnell sie dann reißt.
Vielleicht fragt man sich:
War ich diesem Menschen wirklich wichtig?
Oder war ich nur bequem?
War ich Freund?
Oder nur jemand, der immer da war?
Solche Fragen können weh tun.
Vor allem nachts, wenn der Kopf ohnehin beschlossen hat, sämtliche ungelösten Fragen der vergangenen vierzig Jahre gleichzeitig auf den Tisch zu legen.
Aber vielleicht steckt darin auch eine Erkenntnis.
Unser Wert hängt nicht davon ab, wie viele Menschen uns vermissen.
Nicht jeder Mensch erkennt, was er an einem anderen hatte. Manche merken es zu spät. Manche niemals.
Und manchmal gab es durchaus Liebe oder Freundschaft, nur hat das Leben sie irgendwann verschüttet.
Trotzdem darf man sich irgendwann fragen, wem man die Zeit, die noch bleibt, eigentlich schenken möchte.
Denn mit zwanzig denkt man, man könne hundert Freundschaften pflegen und noch fünfzig neue anfangen.
Mit zunehmendem Alter wird Zeit plötzlich konkreter.
Man begreift, dass sie begrenzt ist.
Und dann möchte man sie vielleicht lieber mit den wenigen Menschen verbringen, bei denen man nicht darüber nachdenken muss, ob man willkommen ist.
Menschen, die merken, wenn man fehlt.
Die sich melden, ohne etwas zu brauchen.
Die fragen:
„Alles in Ordnung? Du bist so still.“
Vielleicht braucht ein Mensch am Ende gar keinen riesigen Freundeskreis.
Vielleicht reichen zwei oder drei Menschen, die tatsächlich bemerken, wenn der eigene Stuhl leer bleibt.
Denn wahrscheinlich ist das eine der schönsten Formen von Nähe:
Nicht ständig zusammen sein zu müssen.
Aber zu wissen, dass das eigene Fehlen eine kleine Lücke hinterlassen würde.
Und wenn niemand diese Lücke bemerkt?
Dann sollte man daraus vielleicht nicht schließen, dass man selbst bedeutungslos ist.
Vielleicht saß man einfach zu lange am falschen Tisch.

Veröffentlicht mit Welako
Sehr guter Text! Ja, Ihre Beschreibung ist mir nicht fremd. In diesem Kontext musste ich leider in den letzten Jahren oft feststellen, dass es einfach nicht mehr so ist wie früher, wenn man selbst wieder die Initiative ergreift und jemanden einlädt. In meinem Buch habe ich eine Kapitelüberschrift „Die auserzählte Freundschaft“ genannt. Ich denke, dass diese auch in diesem Kontext anwendbar ist.
Natürlich melden sich die Leute meist auch dann nicht wieder beziehungsweise erfolgt keine Gegeneinladung, obwohl man sich früher oft zwei- bis dreimal im Monat getroffen hat. Schickt man mal einen Link o. Ä. zu Themen, die beide Seiten mal interessierte, via WhatsApp, erfolgt ein nettes Dankeschön, aber auch hier kommt dann nichts mehr. Ich finde es schade, kämpfe aber nicht mehr dagegen an.
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Apropos Lücke und vergessen - ich hab mein Passwort bei welako vergessen...
Die Betaversion hatte damals noch keine email angenommen - und so klappt die Wiederherstellung über den email account nicht.
Der Versuch mit dem private Posting Key das Passwort neu zu generieren klappte leider nicht.
Ist da vielleicht ein upgrade in Planung?
Wäre ganz praktisch mit dem Posting Key das Passwort neu zu generieren.
Beste Grüße.
Licht & Liebe.
P.S.: Sehr schöner Beitrag!
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