𝗜𝗖𝗛 𝗕𝗜𝗡 𝗝𝗘𝗧𝗭𝗧 𝗕𝗘𝗥𝗨𝗙𝗟𝗜𝗖𝗛 𝗕Ö𝗦𝗔𝗥𝗧𝗜𝗚
𝗗𝗜𝗘 𝗕𝗨𝗧𝗧𝗘𝗥 𝗕𝗘𝗭𝗔𝗛𝗟𝗧 𝗦𝗜𝗖𝗛 𝗦𝗖𝗛𝗟𝗜𝗘𝗦𝗦𝗟𝗜𝗖𝗛 𝗡𝗜𝗖𝗛𝗧 𝗩𝗢𝗡 𝗔𝗟𝗟𝗘𝗜𝗡. 😂💚
Ist das nicht eine herrlich verrückte Welt, in der wir leben? Man schreibt etwas Freundliches, und irgendwo zirpt eine Grille. Man wird ein bisschen giftig, und plötzlich gehen die Scheinwerfer an: „Holger, genau so! Hier sind Reichweite und ein paar Cent. Jetzt tritt bitte noch einmal nach!“
Heute habe ich über die abgesagte Lindenberg-Show geschrieben. Dass es dabei um ein Double geht, stand diesmal nicht gleich in der Überschrift, sondern erst im weiteren Text. Also dort, wo man zwangsläufig vorbeikommt, wenn man einen Beitrag tatsächlich liest. Eine inzwischen offenbar völlig überbewertete Kulturtechnik.
Prompt erschienen in den Kommentaren die ersten diplomierten Überschriftenforscher und erklärten mir sinngemäß: „Ihr blöden Rechten habt doch keine Ahnung! Das ist doch gar nicht Lindenberg selbst!“
Ja. Richtig. Steht im Beitrag.
Vielen Dank für die fachkundige Zusammenfassung meines eigenen Textes. Ich freue mich immer, wenn Menschen nach einer aufwendigen Expedition bis zum dritten Absatz dort genau das entdecken, was ich vorher schon hingeschrieben habe. Fast wie eine archäologische Sensation. Nur ohne Schaufel.
Und diesmal habe ich mir die freundliche Zurückhaltung verkniffen, die ich mir in den letzten Wochen und Monaten mühsam angewöhnt hatte. Ich habe auf meine eigentlich typische Weise geantwortet: provokant, sarkastisch und stellenweise so spitz, dass man damit vermutlich die Winterreifen hätte aufstechen können.
Man könnte sagen: Der alte Mann aus dem tiefen, dunklen Wald ist vorübergehend wieder bösartig geworden. Finsterbergen hat schließlich auch einen Ruf zu verteidigen.
Und was passiert?
Der Beitrag hat die höchste Reichweite der letzten 14 Tage. Und die bisherigen Einnahmen aus der Monetarisierung sind schon nach dieser kurzen Zeit die höchsten der vergangenen vier Wochen.

Na bitte. Endlich ein pädagogisch wertvolles Erfolgserlebnis. Benehmen wird offenbar überschätzt. Hauptsache, unter dem Beitrag brennt noch Licht – oder gleich die ganze Kommentarspalte.
Natürlich ist das keine wissenschaftliche Untersuchung. Aber für mich sieht die praktische Unterrichtsstunde ungefähr so aus: Formuliere zugespitzt, lass ein paar Leute schäumen und antworte selbst noch ordentlich bissig. Schon wird aus einem abgesagten Konzert ein kleines Konjunkturprogramm.
Am besten noch Gift und Galle dazu. Bitte frisch gezapft. Wir wollen schließlich Qualität liefern.
Das beobachte ich auch auf meiner DDR-2.0-Seite: Gerade die Beiträge, unter denen besonders boshaft kommentiert wird und sich die wütenden Gesichter stapeln, bekommen häufig die größte Reichweite und bringen die höchsten Einnahmen.
Da sitzt man dann und denkt: „Wie schön, dass wir als Gesellschaft endlich einen Weg gefunden haben, gegenseitige Verachtung wirtschaftlich nutzbar zu machen.“
Schreibe ich ein Gedicht, ein paar Gedanken über das Sterben, eine Kindheitserinnerung oder eine Geschichte über meine Familie, lesen Menschen vielleicht still mit. Manche fühlen sich berührt. Manche erinnern sich an ihr eigenes Leben.
Sehr schön. Menschlich wertvoll. Für eine gepflegte digitale Massenschlägerei allerdings vollkommen ungeeignet.
Unter einem Gedicht schreibt eben selten jemand: „Du linker Vollidiot, der Herbst war überhaupt nicht golden!“ Und unter einer Erinnerung an meine Mutter entsteht meistens auch keine 180 Kommentare lange Auseinandersetzung darüber, wer Deutschland ruiniert hat.
Leider. Da bleibt wirtschaftliches Potenzial ungenutzt. Vielleicht muss ich künftig schreiben: „Meine Mutter machte die besten Klöße – und ihr habt alle keine Ahnung!“ Schon hätten wir wenigstens eine Grundlage für einen ertragreichen Kartoffelkrieg.
Denn wenn sich Menschen unter einem Beitrag gegenseitig erklären, wie unfassbar dämlich die jeweils anderen sind, bleiben sie beschäftigt. Sie lesen, antworten, kommen wieder und kontrollieren, ob der Gegner inzwischen endlich seine geistige Niederlage eingeräumt hat. Dazwischen ist reichlich Gelegenheit für Werbung. Eine wahrhaft rührende Zusammenarbeit.
Und ja: Ich verdiene mit diesem Account Geld und bestreite damit einen Teil meines Lebensunterhalts. Krankheitsbedingt ist Schreiben im Grunde das, was ich noch machen kann. Wenn ausgerechnet die giftigeren Beiträge besonders gut laufen, ist das schon ein ziemlich deutlicher finanzieller Wink mit dem Zaunpfahl.
Da kann Meta sich die Motivationskarte eigentlich sparen. Bei mir kommt die Botschaft auch so an: „Die Geschichte war schön, Holger. Aber könntest du beim nächsten Mal vielleicht jemanden zur Weißglut bringen?“
Also mache ich künftig gelegentlich einen auf Bruce Banner. Im normalen Leben bin ich ein netter, sympathischer Waldbewohner aus Finsterbergen. Ich schreibe, heize meinen Ofen und esse ein Brötchen.
Aber dann kommt jemand und erklärt mir mit der Überzeugung eines Nobelpreisträgers meinen eigenen dritten Absatz.
Und plötzlich wird es grün im Thüringer Wald.
Die Hose spannt, die Geduld reißt, und der Hulk übernimmt die Kommentarspalte. 💚
Jetzt kommen natürlich wieder einige mit: „Man muss dieses Spiel ja nicht mitmachen!“
Selbstverständlich muss man das nicht. Man muss auch keine Brötchen kaufen. Man könnte dem Bäcker ein Gedicht vortragen und hoffen, dass er dafür noch ein Stück Butter drauflegt.
Ich möchte mit meiner Schreiberei ein wenig Geld verdienen. Für meine vollkommen enthemmte Luxusversorgung: Brötchen mit Butter, Brennholz und gelegentlich einen Zuschuss für das eine oder andere Projekt.
Keine Yacht. Keine teure Uhr. Kein Sportwagen.
Obwohl: Wenn ihr euch noch ein bisschen mehr aufregt, reicht es vielleicht irgendwann sogar für Käse auf dem Brötchen.
Aber wir wollen bescheiden bleiben. Erst einmal muss der Hulk Holz nachlegen. 😂🔥
Veröffentlicht mit Welako